Im Leo.org-Dschungel

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Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon Sabine » Fr 13. Mär 2009, 17:34

Ich komme mir ja ganz undankbar vor, wenn ich über so eine lieb gemeinte Website schimpfen muss, aber nachdem ich gerade Facharbeiten korrigiert und dabei bei den wenigen hastig geschriebenen Arbeiten wieder mal über die schönen und schon von weitem erkennbaren leo.org-Fehler gestolpert bin, ist es mir ein Anliegen, auf die linguistischen Gefahren dieses "Wörterbuchs" hinzuweisen.

Grundsätzlich gilt: leo.org nützt nur dem etwas, der ohnehin schon sehr gut Englisch kann. Denn das Prinzip dieser Website ist folgendes: engagierte Amateure tragen alles ein, was sie so an Übersetzungen finden können. Das ganze wird dann alphabetisch geordnet (also auch innerhalb der Einträge alphabetisch geordnet!) und dem Volke zum Fraß vorgeworfen.

Als Beispiel nehmen wir mal an, das Luis, ein Schüler, in seinem Lieblingsfantasyroman, den er tapfer auf Englisch liest, folgenden schönen Satz findet: "As he beheld the frightful abyss, he was seized by a fear far beyond any he had ever felt before." Luis ist schlau und internetversiert, er macht also seinen Laptop auf und tippt die zwei Wörter ein, die ihm unbekannt sind (wir gehen davon aus, dass er "abyss" kennt).

Unter "beheld" findet er "anschauen, ansehen, betrachten, erblicken, sehen". Das gefällt Luis, und weil er ein guter Schüler ist, verwendet er das Wort stracks in der nächsten Englischschulaufgabe. Mit etwas Glück hat er einen netten Englischlehrer, der sich darüber freut, aber trotzdem "behold" unterringeln muss, weil es sich dabei um eine ziemlich spezielle Vokabel handelt, die archaisch ist und fast nur literarisch oder ironisch verwendet wird. (Das weiß der Englischlehrer entweder einfach so oder aus seinem Wörterbuch)

Alles halb so wild? Es kommt schlimmer, denn jetzt gibt Luis "seize" ein. Und da stößt er auf dieses schöne Problem. Jaha! Da hat sich einer verausgabt und den Inhalt eines handwerkerischen Fachwörterbuches abgetippt. Wie soll denn der arme Luis wissen, ob "seize" nun festfressen, beschlagnahmen, festzurren oder einfach packen heißt? Luis ist wahrscheinlich nicht blöd und kann sich schon denken, was Sinn ergibt, aber immer wird das nicht funktionieren. Außerdem hat er viel Zeit verschwendet - und dabei heißt es doch so schön "Seize the Day!"

Also. Bei einem guten modernen Wörterbuch kommt es darauf an, dass die Wörter

a) nach ihrer tatsächlichen Verwendungshäufigkeit geordnet sind
b) in freier Wildbahn erscheinen (also mit Beispielen)
c) mit Verwendungshinweisen versehen sind, also ob sie ein Objekt brauchen oder ob sie mit bestimmten Präpositionen verwendet werden.

Ein Beispiel dafür ist das LDOCE, soeben in schon wieder einer neuen und vermutlich noch viel potenteren Ausgabe erschienen. Ja, es ist einsprachig, aber wem das LDOCE zu unverständlich ist, der wird von leo.org garantiert erst recht nicht profitieren.

Vor einiger Zeit habe ich bereits über leo.org gebloggt. Da war ich noch ein bisschen milder.

Danken möchte ich Professor Thomas Herbst für die unterhaltsamen und lehrreichen Lexikologievorlesungen und -seminare vor schon allzu langer Zeit. Habe fürs Leben gelernt!
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Re: Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon Christian » Sa 14. Mär 2009, 10:21

Ein sehr schöner, unterhaltsamer aber vor allem lehrreicher Artikel für mich... Auch ich komme mit Leo nicht immer so zurecht, wie ich es gerne hätte. Für mein Studium verwende ich daher auch das Online-Pons Wörterbuch http://www.pons.de. Habe gleich einmal den Praxistest gemacht und "to behold" nachgeschlagen - und siehe da, ich hätte nicht den Fehler von Luis gemacht.... :lol:
Aber vielen Dank für den Tipp mit dem einsprachigen Wörterbuch, ich versuche selbst vermehrt einsprachige Wörterbucher zu benutzen u. a. http://dictionary.cambridge.org/
Grüße Christian
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Re: Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon zwanglos » Mi 6. Mai 2009, 15:45

Bei mir als Amerikaner ist die Lage fast umgekehrt. Wenn ich mir nicht total sicher bin, wie ich so ein Wort auf Deutsch ausdrücken soll, versuch' ich es erst mit Leo ... manchmal habe ich Glück (ein eins-zu-eins Volltreffer), und manchmal... äh, ihr wisst das schon. Muss dann mit meinem einsprachigen deutschen Wörterbuch die 10+ Wörter nachschlagen, um die kleine Unterscheide herauszufinden. Als weiterer Schritt benutze ich dann ein Suchfunktion bei Google oder so, um "lebende" Beispiele im Netz zu finden.

Ist aber eine praktishe und brauchbare Seite zum Nachschlag von der Genera manchen Wörtern, falls ich die vergesse :?
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Re: Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon Sabine » Mi 6. Mai 2009, 19:23

Du bist zu bedauern, weil dir auf Deutsch natürlich nicht so gute einsprachige Wörterbücher zur Verfügung stehen wie dem glücklichen Englischlernenden. Ich mache das mit Google übrigens genauso, wenn ich bei einem Ausdruck die genaue Wortfolge nicht mehr weiß. Dann probiere ich zwei aus, und für die mit mehr Treffern entscheide ich mich.

Aber du hast recht, einen Überblick über das Bedeutungsspektrum gibt Leo.org schon.
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Re: Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon sven » Di 29. Jun 2010, 18:26

Ich finde diese Diskussion interessant. Mir gefällt es auch nicht wie bei Leo die gefundenen Begriffe wild durcheinander gewürfelt scheinen, und dass häufig Anwendungsbeispiele fehlen... Leider ist das bei pons auch nicht anders.

Ich selbst bin ein Fan von Linguee (http://www.linguee.de), und finde es recht lustig, dass nach den hier genannten Bedingungen a, b und c, Linguee wohl alles richtig macht. Sucht man nach "seize" oder "seized", kommen wird man erstmal von Übersetzungsmöglichkeiten erschlagen, aber sie sind a) nach ihrer Häufigkeit sortiert und b) mit einer größeren Menge Beispielen ausgestattet. An c) wird wohl noch gearbeitet, aber dafür eignen sich sowieso einsprachige Wörterbücher am besten.

Die "lebenden Beispiele", von der Sabine spricht, findet man jedenfalls hervorragend mit Linguee, wenn auch das ein oder andere mit einem Warnschild versehen ist, weil die Qualität fragwürdig ist. Man sollte natürlich überhaupt selber nachdenken und beurteilen können, ob eine gefundene Übersetzung nun wirklich zuverlässig ist. Ein Schüler der Unterstufe sollte zwar womöglich die Finger davon lassen, aber einem Schüler der Oberstufe würde ich das sogar zutrauen. ;-)

Trotzdem wird Sabine mir diesen Beitrag sicher um die Ohren hauen, vermute ich. Man kann auf Linguee jedenfalls leicht auch "falsche" Übersetzungen finden, da es nun mal eine Suchmaschine für Übersetzungen ist. Lediglich auf die Einträge mit Haken kann man sich verlassen. Man muss es als Recherchewerkzeug betrachten.

Ich bin gespannt auf Sabines Reaktion.

PS: oh, Sabines Beitrag war wohl doch schon ein wenig älter... Vielleicht schaust du ja trotzdem nochmal rein :)
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Re: Im Leo.org-Dschungel

Beitragvon fishnchips » Mo 15. Nov 2010, 14:18

Ich kann das Leo-Problem voll nachvollziehen. Sobald ich pons.de entdeckt habe, habe ich auch immer zuerst da geschaut, alles, was ich bei pons nicht finden konnte, habe ich dann nochmal bei leo nachgeschlagen. Aber sicher sein, ob der angegebene vokabelvorschlag richtig ist oder nicht, kann man sich bei leo eben nie, das nervt n bissel. Als ich dem französischen noch nicht so mächtig war, habe ich oft bei leo nachgeschaut und wie meine französischlehrer dann feststellten auch oft fehler dadurch gemacht.

also, an sich ist leo eine gute sache, aber man muss eben vorsichtig damit umgehen und am besten nochmal anhand googles nachprüfen.
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