Im Leo.org-Dschungel
Ich komme mir ja ganz undankbar vor, wenn ich über so eine lieb gemeinte Website schimpfen muss, aber nachdem ich gerade Facharbeiten korrigiert und dabei bei den wenigen hastig geschriebenen Arbeiten wieder mal über die schönen und schon von weitem erkennbaren leo.org-Fehler gestolpert bin, ist es mir ein Anliegen, auf die linguistischen Gefahren dieses "Wörterbuchs" hinzuweisen.
Grundsätzlich gilt: leo.org nützt nur dem etwas, der ohnehin schon sehr gut Englisch kann. Denn das Prinzip dieser Website ist folgendes: engagierte Amateure tragen alles ein, was sie so an Übersetzungen finden können. Das ganze wird dann alphabetisch geordnet (also auch innerhalb der Einträge alphabetisch geordnet!) und dem Volke zum Fraß vorgeworfen.
Als Beispiel nehmen wir mal an, das Luis, ein Schüler, in seinem Lieblingsfantasyroman, den er tapfer auf Englisch liest, folgenden schönen Satz findet: "As he beheld the frightful abyss, he was seized by a fear far beyond any he had ever felt before." Luis ist schlau und internetversiert, er macht also seinen Laptop auf und tippt die zwei Wörter ein, die ihm unbekannt sind (wir gehen davon aus, dass er "abyss" kennt).
Unter "beheld" findet er "anschauen, ansehen, betrachten, erblicken, sehen". Das gefällt Luis, und weil er ein guter Schüler ist, verwendet er das Wort stracks in der nächsten Englischschulaufgabe. Mit etwas Glück hat er einen netten Englischlehrer, der sich darüber freut, aber trotzdem "behold" unterringeln muss, weil es sich dabei um eine ziemlich spezielle Vokabel handelt, die archaisch ist und fast nur literarisch oder ironisch verwendet wird. (Das weiß der Englischlehrer entweder einfach so oder aus seinem Wörterbuch)
Alles halb so wild? Es kommt schlimmer, denn jetzt gibt Luis "seize" ein. Und da stößt er auf dieses schöne Problem. Jaha! Da hat sich einer verausgabt und den Inhalt eines handwerkerischen Fachwörterbuches abgetippt. Wie soll denn der arme Luis wissen, ob "seize" nun festfressen, beschlagnahmen, festzurren oder einfach packen heißt? Luis ist wahrscheinlich nicht blöd und kann sich schon denken, was Sinn ergibt, aber immer wird das nicht funktionieren. Außerdem hat er viel Zeit verschwendet - und dabei heißt es doch so schön "Seize the Day!"
Also. Bei einem guten modernen Wörterbuch kommt es darauf an, dass die Wörter
a) nach ihrer tatsächlichen Verwendungshäufigkeit geordnet sind
b) in freier Wildbahn erscheinen (also mit Beispielen)
c) mit Verwendungshinweisen versehen sind, also ob sie ein Objekt brauchen oder ob sie mit bestimmten Präpositionen verwendet werden.
Ein Beispiel dafür ist das LDOCE, soeben in schon wieder einer neuen und vermutlich noch viel potenteren Ausgabe erschienen. Ja, es ist einsprachig, aber wem das LDOCE zu unverständlich ist, der wird von leo.org garantiert erst recht nicht profitieren.
Vor einiger Zeit habe ich bereits über leo.org gebloggt. Da war ich noch ein bisschen milder.
Danken möchte ich Professor Thomas Herbst für die unterhaltsamen und lehrreichen Lexikologievorlesungen und -seminare vor schon allzu langer Zeit. Habe fürs Leben gelernt!
Grundsätzlich gilt: leo.org nützt nur dem etwas, der ohnehin schon sehr gut Englisch kann. Denn das Prinzip dieser Website ist folgendes: engagierte Amateure tragen alles ein, was sie so an Übersetzungen finden können. Das ganze wird dann alphabetisch geordnet (also auch innerhalb der Einträge alphabetisch geordnet!) und dem Volke zum Fraß vorgeworfen.
Als Beispiel nehmen wir mal an, das Luis, ein Schüler, in seinem Lieblingsfantasyroman, den er tapfer auf Englisch liest, folgenden schönen Satz findet: "As he beheld the frightful abyss, he was seized by a fear far beyond any he had ever felt before." Luis ist schlau und internetversiert, er macht also seinen Laptop auf und tippt die zwei Wörter ein, die ihm unbekannt sind (wir gehen davon aus, dass er "abyss" kennt).
Unter "beheld" findet er "anschauen, ansehen, betrachten, erblicken, sehen". Das gefällt Luis, und weil er ein guter Schüler ist, verwendet er das Wort stracks in der nächsten Englischschulaufgabe. Mit etwas Glück hat er einen netten Englischlehrer, der sich darüber freut, aber trotzdem "behold" unterringeln muss, weil es sich dabei um eine ziemlich spezielle Vokabel handelt, die archaisch ist und fast nur literarisch oder ironisch verwendet wird. (Das weiß der Englischlehrer entweder einfach so oder aus seinem Wörterbuch)
Alles halb so wild? Es kommt schlimmer, denn jetzt gibt Luis "seize" ein. Und da stößt er auf dieses schöne Problem. Jaha! Da hat sich einer verausgabt und den Inhalt eines handwerkerischen Fachwörterbuches abgetippt. Wie soll denn der arme Luis wissen, ob "seize" nun festfressen, beschlagnahmen, festzurren oder einfach packen heißt? Luis ist wahrscheinlich nicht blöd und kann sich schon denken, was Sinn ergibt, aber immer wird das nicht funktionieren. Außerdem hat er viel Zeit verschwendet - und dabei heißt es doch so schön "Seize the Day!"
Also. Bei einem guten modernen Wörterbuch kommt es darauf an, dass die Wörter
a) nach ihrer tatsächlichen Verwendungshäufigkeit geordnet sind
b) in freier Wildbahn erscheinen (also mit Beispielen)
c) mit Verwendungshinweisen versehen sind, also ob sie ein Objekt brauchen oder ob sie mit bestimmten Präpositionen verwendet werden.
Ein Beispiel dafür ist das LDOCE, soeben in schon wieder einer neuen und vermutlich noch viel potenteren Ausgabe erschienen. Ja, es ist einsprachig, aber wem das LDOCE zu unverständlich ist, der wird von leo.org garantiert erst recht nicht profitieren.
Vor einiger Zeit habe ich bereits über leo.org gebloggt. Da war ich noch ein bisschen milder.
Danken möchte ich Professor Thomas Herbst für die unterhaltsamen und lehrreichen Lexikologievorlesungen und -seminare vor schon allzu langer Zeit. Habe fürs Leben gelernt!